Ein 6.000 Jahre altes Puzzle wird zusammengesetzt

Bei archäologischen Ausgrabungen findet man häufig unzählige Feuersteinfragmente - Abfall, der bei der Bearbeitung des Steins entstand. Bei den Fehmarnbelt-Voruntersuchungen entdeckten die Archäologen des Museums Lolland-Falster genau solch einen Abfallplatz. Der Archäologe Brian Westen hat sich die Fragmente näher angeschaut und konnte sie in zwei Fällen zu ihrem Ursprung zusammensetzen - einem kompletten Feuersteinblock.

 

"Wenn wir das Feuerstein-Puzzle lösen, können wir den Arbeitsprozess des Feuersteinschlägers nachvollziehen", berichtet der Archäologe für Vorgeschichte am Museum Lolland-Falster, Brian Westen.

 

Einblicke in die Arbeit des Feuersteinschlägers

Es gab keine unmittelbaren Anzeichen für eine Besiedlung in der Nähe der Feuersteinkonzentration, die von den Archäologen in einer der im Sommer 2013 untersuchten 4x4m-Gruben mit Spundwänden entdeckt wurde. Wahrscheinlich fand einer unserer Vorfahren einen vielversprechenden Feuersteinblock und machte sich sofort an die Arbeit.

 

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Feuersteinblock mit drei Abschlägen

 

"Es gibt nur drei abgeschlagene Fragmente, die ich dem großen Block zuordnen konnte. Ich bin sicher, dass sie den Rest mitgenommen und als Werkzeuge verwendet haben. An dem kleinen Block wurden neun Fragmente abgeschlagen, die ich zusammensetzen konnte. Nach den neun Abschlägen erkannten sie, dass sie mit diesem Block nicht weiterkommen würden. Also ließen sie ihn einfach liegen und gingen nach Hause", meint Brian Westen.

Die Steinzeitmenschen benötigten nur wenige Minuten für die Herstellung des Puzzles, doch die Archäologen von heute brauchen erheblich längere Zeit, um es wieder zusammenzusetzen. "Ich habe insgesamt 2-3 Stunden gebraucht. Doch ab und zu musste ich pausieren, um den Kopf wieder frei zu bekommen", berichtet Brian Westen.

 

Feuerstein verändert sich

Feuerstein ist bei weitem kein gewöhnliches Puzzle. Ist er dem Sonnenlicht ausgesetzt, verbleicht er und kann ganz weiß werden, was das Zusammensetzen des Steins erschwert. Feuerstein kann andererseits aber auch charakteristische Muster aufweisen, die nicht in der Sonne ausbleichen. Dieser kleine Block hat ein solches Muster, feine Streifen, die beim Zusammensetzen des Puzzles helfen.

 

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Feuersteinblock mit neun Abschlägen; die Streifen sind noch zu erahnen

 

"Der eine Block hat sehr viel Sonne abbekommen, weshalb er sehr hell ist. Die neun Abschläge, die dazu passen, sind hingegen noch immer dunkel. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden sie überhaupt nicht zusammenpassen", erzählt Brian Westen.

 

Brian Westen zufolge fehlen jedoch noch ein paar Teile, um das Puzzle zu vervollständigen. "In dem zusammengesetzten Block sind kleine Löcher - es fehlen also die ganz kleinen Abschläge. Wenn wir das nächste Mal eine Feuersteinkonzentration finden, müssen wir also äußerst feine Siebe benutzen, damit uns kein Fragment entgeht", führt er weiter aus.

 

Eine alte Handwerkstradition

Die Bodenschichten und die Tiefe, in der der Feuerstein gefunden wurde, weisen darauf hin, dass sein Ursprung in der ersten Bauernkultur Dänemarks liegt, der Trichterbecherkultur (ca. 3900-3400 v. Chr.). In dieser frühesten Periode der Jungsteinzeit wurden viele Traditionen aus der Altsteinzeit fortgesetzt, darunter auch das Feuersteinhandwerk. Dank des Puzzlespiels von Brian Westen wissen wir heute mehr über das Handwerk der Feuersteinschläger.

 

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Kernbeil (l.) und Scheibenbeil (r.) - montiert. Zeichnung: Museum Lolland-Falster.

 

"Ich habe etwas äußerst Ungewöhnliches gefunden. Zwei der Fragmente wurden mit einem 90°-Winkel zwischen ihnen abgeschlagen. Stücke dieses Typs lassen sich mit Sticheln verwechseln, einem Werkzeug, das viele Funktionen hatte und schwer zu definieren sein kann. Doch nach der Zusammensetzung des Feuersteins weiß ich, dass ein stichelähnliches Fragment auch das Ergebnis eines zufälligen Abbruchs sein kann", sagt Brian Westen. "Es wäre ein Traum, einen großen Block mit einem beilförmigen Loch in der Mitte zusammenzusetzen. Das würde uns den ultimativen Einblick in die Arbeit des Feuersteinschlägers geben, und wir könnten den gesamten Bearbeitungsprozess nachempfinden", meint Brian Westen.