Ein unerwarteter Fund

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Die Scherbe betrachtet von der Außenseite des ursprünglichen Gefäßes. Im Loch sind Reste von Pflanzenfasern zu erkennen.

 

Interessante Funde tauchen in der Regel direkt beim Ausgraben auf, wenn die vorzeitlichen Schichten unter der Pflugschicht mit Bagger und Spaten freigelegt werden. Doch manchmal macht man auch erst später bei der Bearbeitung der Funde interessante Entdeckungen. So wie im Falle einer Keramikscherbe, die auf den ersten Blick den meisten anderen Scherben glich, sich aber bei der späteren Reinigung als etwas Besonderes herausstellte. Sie wies nicht nur ein sorgfältig gebohrtes Loch auf, sondern auch Reste von Pflanzenfasern, die in dem Loch befestigt waren.

 

Ein gebohrtes Loch

Ausgrabungsfunde sind eigentlich immer von Interesse. Besonders interessant wird es jedoch, wenn die Funde in größere Bedeutungszusammenhänge passen und uns nähere Einblicke in ihre Funktion und damit in die Bedürfnisse der prähistorischen Menschen geben. Der spezielle Fund mit dem gebohrten Loch und den daran befestigten Pflanzenfasern erweitert unser Verständnis von der Anwendung von Keramik in den vorgeschichtlichen Siedlungen. Gebohrte Löcher in prähistorischer Keramik sind kein unbekanntes Phänomen, neu ist hingegen erhaltenes organisches Material, das darin befestigt war.

 

Ein Stück der frühesten Keramik?

Der Fundkontext deutet darauf hin, dass die Scherbe aus dem Frühneolithikum stammt, also der frühesten Phase der Jungsteinzeit, in der sich die Landwirtschaft erstmals in Dänemark durchsetzt. Es gibt weitere Beispiele für gebohrte Löcher in Keramik aus dieser Zeit, u. a. aus dem westseeländischen Åmose. Meist sind die Löcher direkt unter dem Rand angebracht und werden gerne als Dekorationslöcher interpretiert. Andere sitzen weiter unten am Bauch des Gefäßes und sind der Interpretation zufolge Kittlöcher, in denen Schnüre befestigt wurden, um gerissene Gefäße zusammenzuhalten. Da die betreffende Scherbe nicht vom Rand eines Gefäßes stammt, nahm man logischerweise an, dass sie zu einem reparierten Gefäß gehörte und die Pflanzenfasern Reste von Schnüren waren. Eine Untersuchung der Scherbenränder ergab, dass diese abgeschliffen waren. Man könnte sich vorstellen, dass diese Abnutzungspuren von der späteren Lagerung im Feuchtgebiet stammen, wo die entsorgte Scherbe umhertrieb und vom Wasser abgeschliffen wurde. Beim Vergleich mit den anderen Feuerstein- und Keramikfunden der Fundstelle zeigte sich jedoch, dass nur diese eine Scherbe geschliffene Ränder aufwies. Sie muss daher zu einem früheren Zeitpunkt, noch vor der Entsorgung, geschliffen worden sein. Die Scherbe mit dem gebohrten Loch hat also vermutlich eine Funktion in ihrer jetzigen Form und nicht als Teil eines reparierten Gefäßes.

 

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Die Scherbe betrachtet von der Innenseite des ursprünglichen Gefäßes. Im Loch sind Pflanzenfasern festgeklemmt.

 

Die nähere Untersuchung

Die Frage lautet: Wozu diente die Scherbe? Die Scherbe wurde nur von der Außenseite gebohrt. Die Pflanzenfasern ragen wie fünf separate Stängel aus dem Loch heraus, die an der Innenseite der Scherbe festgeklemmt sind, wo das Loch wesentlich enger ist als an der Außenseite. Vielleicht waren sie zu einer Schnur verflochten? Weitere Untersuchungen, wie z. B. eine Holzbestimmung und eine Radiokarbondatierung, sowie Funde weiterer ähnlicher Scherben werden vielleicht dazu beitragen, dieses kleine Keramikmysterium aufzuklären.